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Kommunikation und Consent: Wege zu einer erfüllten Sexualität
4. Oktober 2019
new mindset for new result
New mindset for new result. Neues Denken für neue Ergebnisse.

Welche Gedanken und Bilder kommen auf, wenn Sie den Begriff Sexualität hören? Eine nackte Frau und ein nackter Mann? Rein, raus, fertig, aus? Oder ist Sexualität doch mehr als das? Wann wird Sex zu einer erfüllten Begegnung? Ich möchte im Folgenden diesen Fragen nachgehen und einige Gedanken darauf verwenden, wann Sex zu einem besonderen Erlebnis für beide werden kann.

Was ist Sex?

Im klassischen Verständnis wird zwischen vaginalem, analem und oralem Sex unterschieden. Diese Definition von Sex gibt Ihnen einen Rahmen vor: Penetration, Fokus auf die Genitalien und das Ziel, zum Orgasmus zu kommen. Haben Sie jemals daran gedacht, diesen Rahmen zu erweitern oder anders für sich zu definieren? Zwei Elemente sind meiner Meinung dafür besonders unterstützend: Kommunikation und Consent. Als erstes ist es wichtig, darüber nachzudenken, vor allem aber nachzuspüren, was guter Sex für Sie ist? 
Sex kann bereits bei einem langen und intensiven Augenkontakt anfangen. Sex kann gemeinsames Atmen sein. Sex kann Selbstbefriedigung sein. Sex kann Sex ohne Orgasmus sein. Wenn wir unsere Vorstellungen darüber, was Sex sein muss, über Bord werfen und erkennen, was Sex sein kann, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Machen Sie sich bewusst, dass körperliche Intimität nicht nur mit den klassischen Formen von Sex entsteht.

Sex und Orgasmus - alles kann, nichts muss

Die körperliche Intimität und der Sex werden nicht intensiver oder besser, je mehr Orgasmen Sie oder Ihr*e Partner*in erleben. Orgasmen sind wunderschön. Es ist fantastisch, wenn Sie beim Sex einen Orgasmus haben. Es ist aber auch fantastisch, wenn Sie während dem Sex keinen Orgasmus haben. Das Kribbeln in Ihnen, das Schwingen in Ihrem Körper. Das ist auch  Lebendigkeit. Grundsätzlich geht es bei Sexualität um menschliche Körper in Lustzuständen. Diese Lust kann sehr unterschiedlich empfunden werden. Sie ist unabhängig von jeglicher sexuellen Orientierung und Identität. Alles kann, nichts muss. Kein Ziel. Keine Erwartungen, zum Orgasmus zu kommen.

Sex als Lebensenergie

Haben Sie Ihre Vorstellungen, was Sex alles sein kann, erweitert, so wird Ihnen vielleicht bewusst, dass Sexualität nicht nur das Schlafzimmer betrifft. Sexualität hat Auswirkungen auf Ihre Kreativität. Aus sexueller Energie wird Leben kreiert. Um Ihre kraftvolle, sexuelle Energie zu erwecken und zu spüren, brauchen Sie nicht notwendigerweise Sex im klassischen Sinn. Es ist der natürliche Zustand unseres Seins. Der erste Schritt ist, in sich hinein zu spüren, sich für sich selber Zeit zu nehmen und nichts zu erzwingen.

Bedürfnisse und Grenzen kennen

Um eine erfüllte Sexualität mit einer anderen Person zu erfahren, ist es wichtig, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen kennen. Wie und wo möchten Sie angefasst werden? Was wünschen Sie sich von der anderen Person? Welche sexuellen Fantasien haben Sie und was möchten Sie gerne mal ausprobieren? Wann beginnt Sex für Sie? Was brauchen Sie nachher? Welche sexuellen Praktiken sind No Gos für Sie? Möchten Sie ein Codewort einführen?

Den sexuellen Wünschen auf der Spur

Nehmen Sie doch mal ein leeres Blatt Papier und einen Stift. Teilen Sie das Papier in drei Spalten auf. Eine Spalte trägt die Überschrift „Meine Wünsche“. Die zweite Spalte trägt die Überschrift „Ich weiß nicht genau, ob ich das möchte/vielleicht“ und die letzte Spalte trägt die Überschrift „No Gos“. Schreiben Sie in jede Spalte etwas zur passenden Überschrift. Gerne können Sie die zuvor genannten Fragen zur Hilfe nehmen.

meine WünschevielleichtNo Gos
Vor dem Sex über Grenzen sprechenFesselspielchenMein „Nein“ wird nicht respektiert
Ein Rollenspiel ausprobieren: Chef*in und Sekretär*inAnalsex: wenn die Stimmung passtMeine Grenzen werden nicht respektiert
Lange und intensiv berührt werden, wenn ich die Kleidung noch anhabeSpanking mit PeitscheWürgen während dem Vorspiel/Sex
Nach dem Sex ein Stück SchokoladeIn einen Swingerclub gehenLange Fingernägel

Als Beispiel für Sie, wie eine Tabelle mit den zuvor genannten Spalten aussehen könnte. Dabei gibt es kein Richtig oder Falsch.

Es geht um Sie, und nicht um die andere Person.

Bedürfnisse und Grenzen kommunizieren

Sie wissen jetzt, was Ihre Bedürfnisse und Grenzen sind. Nun gilt es, diese zu kommunizieren. Kommunikation ist erfahrungsgemäß einer der wichtigsten Bestandteile jedes Beziehungsverhältnisses. Da Personen unterschiedlich sozialisiert sind, gibt es auch die verschiedensten Kommunikationsformen. Manche harmonieren besser als andere. Nichtsdestotrotz kann „gutes“ Kommunizieren erlernt werden.

Eine andere Person kann Ihre Bedürfnisse und Grenzen nicht von Ihren Lippen ablesen. Es liegt in Ihrer Verantwortung, zunächst Ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen zu kennen und diese dann zu kommunizieren. Beispielsweise könnten Sie die Übung von vorhin mit ihrem*r Partner*in durchführen. Getrennt füllen Sie auf einem Blatt Papier die drei Spalten aus. Nehmen Sie sich Zeit dafür.. Setzen Sie sich anschließend zusammen und sprechen Sie jeweils über Ihre Grenzen und Bedürfnisse.

Von großer Bedeutung ist dabei, dass Sie mit „Ich-Botschaften“ arbeiten. Denn es geht um Sie und um Ihre Bedürfnisse, und nicht um die andere Person. Zudem sollten Sie nicht die Bedürfnisse und Grenzen der anderen Person abwerten. Respektieren Sie sie und seien Sie dankbar, dass diese Person mit Ihnen diese intimen Informationen teilt.

Rot, gelb, grün die Ampelmethode

In einem sexuellen Setting kann es schwerfallen, zu sagen: „Das gefällt mir nicht.“ oder „Das überschreitet gerade meine Grenze.“ Sie können daher mit der Person, mit der Sie intim werden möchten, zuvor Ihre Grenzen, Wünsche und Bedürfnisse besprechen.
Zusätzlich können Sie sich beispielsweise auf die sogenannte Ampelmethode einigen. Dabei können die anwesenden Personen in einem sexuellen Setting auf die Farben „Grün“, „Gelb“ und „Rot“ zurückgreifen. Die Farbe „Grün“ kann gesagt werden, wenn sich das gut anfühlt, was gerade getan wird. Die Farbe „Gelb“ steht für „Das gefällt mir gerade noch, aber nicht weiter.“ und die Farbe „Rot“ steht für „Das überschreitet eine Grenze./Das gefällt mir nicht./Stop.“ Manchen Personen fällt es leichter, diese Farben in einem sexuellen Setting  auszusprechen. Zudem trägt diese Methode dazu bei, dass die erotische Atmosphäre weniger unterbrochen wird, da es sich um ein einzelnes Wort handelt.

Wir ermutigen Sie, immer auf Ihre Grenzen zu achten. Wenn Sie sich in einem sexuellen Setting nicht mehr wohl fühlen, haben Sie jedes Recht, dies zu äußern. Sie müssen sich nicht rechtfertigen. Sie müssen nicht auf das Bedürfnis der anderen Person eingehen, wenn Sie diesem nicht zustimmen.

Consent ist super sexy

Apropos Zustimmung: Beidseitiges Einverständnis - englisch consent - ist die Basis jeglicher sexuellen Interaktion. Consent beinhaltet nicht nur das aktive Zustimmen oder Ablehnen einer Interaktion, sondern auch das aktive Fragen. Damit ist das aktive Um-Erlaubnis-fragen gemeint: „Darf ich dich küssen?“ - „Ja, gerne!“ Egal ob Mann* oder Frau*: Fragen Sie! Sie meinen, dabei geht die Spannung verloren? Ganz im Gegenteil: Consent is super sexy!

Durch Consent zeigen Sie der anderen Person, wie sehr Sie sich um Ihr Wohlbefinden kümmern und umgekehrt. Sie schaffen dadurch eine entspannte und vertrauensvolle Atmosphäre für sich und für die andere Person. Es wird ein Rahmen geschaffen, in dem Sie gezielter auf die Bedürfnisse der anderen Person und auf Ihre eigenen Bedürfnisse eingehen können. Es wird Ihnen leichter fallen, Lust zu geben und zu erhalten, da Sie nicht ständig auf der Hut sein müssen. Sie bewegen Sich in einem Rahmen, dem beide zugestimmt haben.  

Consent: Danke für dein Nein

Es wird nicht immer der Fall sein, dass Sie ein „Ja“ auf Ihre Frage bekommen. Manchmal kann es auch ein „Ich weiß nicht.“ oder ein „Nein.“ sein. Wenn Sie kein eindeutiges „Ja“ als Antwort bekommen, ist es keine Zustimmung. Es ist kein Consent.

Wie sollen Sie aber auf ein „Nein“ reagieren? Unsicher oder gar beleidigt, weil Sie zurückgewiesen wurden? Haben Sie keine Angst vor dieser vermeintlichen Zurückweisung. Ein „Nein“ heißt lediglich, dass diese Person auf ihre eigenen Grenzen und Bedürfnisse achtet. Diese Person übernimmt Verantwortung über sich und ihren Körper. Und Sie möchten ja, dass es dieser Person gut geht. So könnten Sie beispielsweise antworten: „Danke, dass du auf dich achtest.“ oder „Danke für dein Nein.“ Die andere Person fühlt sich somit gehört und von Ihnen respektiert.

Ein Nein schafft einen ehrlichen Rahmen

Dasselbe gilt auch umgekehrt. Haben Sie keine Angst, ein „Nein“ auszusprechen. Sie tun sich selbst mit Ihrem „Nein“ etwas Gutes, weil Sie Ihre Grenzen und Bedürfnisse respektieren. Zudem sind Sie ehrlich und fair gegenüber der anderen Person. Denn das Gefühl, dass eine Person für Sie etwas macht, das sie selbst gar nicht möchte, fühlt sich meistens nicht authentisch an und dämpft die Erregung und Lust.

Sex, Communication und Consent lassen sich also nur schwer voneinander trennen. Kommunikation und die Suche nach Einverständnis sind Tools, die Sie für eine erfüllte Sexualität nutzen können. Zu guter Letzt entscheiden immer noch Sie selbst, wie Sie Ihre Sexualität gestalten möchten.

 

Die Autorin Lea Rigo studiert Kultur- und Sozialanthropologie und arbeitet ehrenamtlich als Sexualpädagogin bei der Studierendenorganisation achtung°liebe.