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Offene Beziehungen und Polyamorie Teil 2 Das Öffnen einer Beziehung
20. September 2019
Beziehungen können vielfältig sein. Polyamorie
Beziehungen können vielfältig sein.

Überlegen Sie genau, was die Beweggründe sind, warum Sie Ihre monogame Beziehung öffnen möchten. Setzen Sie sich nicht unter Druck, lassen Sie sich Zeit mit Ihren Entscheidungen. Wenn Sie sich aber auf das Abenteuer einlassen, werden Sie mehr über sich selbst herausfinden, als Sie jemals für möglich gehalten hätten. Hier beschreiben wir einige dos und don´ts beim Öffnen einer Beziehung.

Keine Entscheidungen aus dem Moment heraus

Bevor Sie Ihre monogame Beziehung öffnen, müssen Sie sich fragen, warum Sie das eigentlich wollen. 

  • Haben Sie und Ihr Partner die gleiche Vision vom Leben?
  • Sind Sie gut im gemeinsamen Lösen von Konflikten?
  • Können Sie offen und ehrlich über alles sprechen?
  • Welche Art von Beziehung möchten Sie führen?
  • Stimmen Ihre Beziehungswerte überein?

Es geht nicht darum, zu 100 Prozent übereinzustimmen. Sie sollten sich aber in der Verbindung zu Ihrem Partner sicher fühlen und die tiefe Gewissheit haben, dass Sie gemeinsam meistern können, egal was kommen mag. 

Was ist ihre Ausgangssituation

Es ist ein großer Unterschied, ob Sie bereits polyamor gelebt haben und auf einen gleichgesinnte/n PartnerIn getroffen sind, oder ob Sie eine monogame Beziehung öffnen möchten. In der Regel gibt es zwei Möglichkeiten, warum Menschen ihre Beziehung öffnen möchten: Beide Partner haben sich dorthin entwickelt, indem sie geforscht, geredet und eine gemeinsame Entscheidung getroffen haben. Oder Ein Partner/eine Partnerin gibt den Impuls und der/die andere muss oder möchte diesem folgen.

Letzteres Szenario ist leider häufigere der Fall. Der/die betroffene Partner/Partnerin ist mit der Entscheidung überfordert und stellt sich viele Fragen, beispielsweise, ob er/sie überhaupt in einer offenen Beziehung leben möchte oder die Öffnung auf emotionaler Ebene bewältigen kann. Eine mögliche Folge könnte eine permanente Überforderung sein. In diesen Fällen erleben wir in unserer Praxis auch, dass die Öffnung der Anfang vom Ende einer Beziehung ist. 

Öffnung als freiwillige Entscheidung beider Partner

Enorm wichtig für den Prozess der Öffnung einer Beziehung ist es, dass alle Beteiligten freiwillig mitmachen und die Motive der Partner klar sind. Manchmal erleben wir, dass eine/r von beiden Druck aufbaut, indem er/sie sagt: “Wenn du es nicht akzeptierst, dann verlasse ich dich oder betrüge dich heimlich.” Dass das nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand. Beim Gegenüber hinterlässt ein solcher Druckaufbau Schmerzen, Ungleichheiten und manchmal sogar ein Trauma.

Klären Sie daher ganz genau, warum Sie die Beziehung öffnen möchten. Welche Sehnsüchte stehen dahinter? Ihre Alarmglocken sollten schrillen, wenn die Öffnung im Grunde eine Flucht ist, weil die aktuelle Beziehung Defizite hat. Dies können beispielsweise Streit, Langeweile, Unachtsamkeit, Abwertung, fehlendes Begehren und vieles mehr sein. Wenn die Öffnung dazu beitragen soll, dass diese Unstimmigkeiten durch andere Menschen kompensiert werden, ist dies äußerst kritisch zu betrachten.

Polyamorie als Stärkung der Beziehung

Wird die Entscheidung zur Polyamorie jedoch aus einer glücklichen Partnerschaft heraus bewusst getroffen, kann es sein, dass eine ehrlich kommunizierte Außenbeziehung die Primärbeziehung sogar stabilisieren kann - zumindest solange die dritte Person mitspielt und in der Rolle der oder des Geliebten bleibt. Beispielsweise kann es sein, dass ein Partner weniger an Sex interessiert ist als der andere und das Gegenüber das Bedürfnis mit jemand anderem auslebt. Dies kann durchaus funktionieren, wenn die Beteiligten offen über ihre Bedürfnisse sprechen und die Details in aller Achtsamkeit verhandeln. 

Sorgsamkeit und Achtsamkeit 

Seien Sie sich darüber im Klaren, dass es einer großen Sorgfalt und gedanklicher Vorarbeit bedarf, wenn eine monogame Beziehung geöffnet wird. Zudem ist es wichtig, dass Sie als Paar permanent an der Beziehung arbeiten. Polyamore Beziehungen sind kein Freibrief dafür, dass alles erlaubt ist. Wenn Sie von einer offenen Beziehung träumen und Ihren Partner/ihre Partnerin damit konfrontieren, fühlen Sie sich wahrscheinlich schuldig. Schließlich möchten Sie ihn/sie mit Ihrem Wunsch und Ihren Taten nicht verletzen.

Damit die Öffnung der Beziehung gelingt, sollten Sie folgende fünf  “Denkfehler” vermeiden.

1. Alles bleibt so, wie es war 

Wenn Sie Ihre monogame Beziehung öffnen möchten, stellt dies eine große Veränderung dar. Es gibt sehr vieles, das man nicht im ersten Blick erkennt. Dies erzeugt Unsicherheit. Dadurch besteht die große Gefahr, dass Sie nach der Öffnung sofort wieder einen Schritt zurück machen, damit alles bleibt, wie es war.

Regeln sind kein absolutes Sicherheitsnetz

Viele Paare stellen zunächst Regeln auf, die das Ziel haben, die Veränderung kleiner und erträglicher zu machen. So wird beispielsweise beschlossen, dass sich keiner der Partner verlieben oder die Nacht mit jemand anderes verbringen darf. Viele legen auch fest, dass One-Night-Stands erlaubt sind, aber keine längeren Beziehungen. Natürlich sollten Sie als Paar über Ihre Grenzen nachdenken. Seien Sie sich jedoch bewusst, dass manche Dinge weder vorhersehbar sind, noch kontrolliert werden können. Gefühle kann man nicht in Regeln fassen, nicht in der Gegenwart und schon gar nicht für die Zukunft.

Wenn Regeln aber gebrochen werden, dann entsteht ein großen Vertrauensbruch. Oftmals wird dies vom Partner/von der Partnerin als Scheitern der Beziehung empfunden. Es ist wesentlich sinnvoller, stattdessen Richtlinien aufzustellen. Machen Sie sich bewusst, was Sie in Ihrer Beziehung am meisten schätzen. Sollte doch etwas außerhalb dieser Richtlinien passieren, wird dies als Anlass genommen, mit dem Partner zu reden und die Partnerschaft weiterzuentwickeln. 

Potential für das Wachstum der Beziehung

Der beste Grund, um sich für eine Öffnung der Beziehung zu entscheiden, ist folgender: Sie beide sehen die potentiellen Vorteile und das Wachstum, das damit einhergeht. Dieses Wachstum wirkt sich positiv auf die Beziehung aus. Es bedeutet aber nicht, dass es immer einfach oder leicht wird. Es ist immer beängstigend, wenn Sie Ihre Komfortzone verlassen. In der Regel wird Mut jedoch belohnt.  

Mehr Freiheit wagen

Wenn die Öffnung der Beziehung gelingt, haben Sie die Freiheit, auf sexuelle und romantische Entdeckungsreisen zu gehen, können permanent an Ihren Kommunikationsfähigkeiten arbeiten und stärken dadurch das Band zwischen Ihnen und Ihrem Partner/ihrer Partnerin. Umfragen haben ergeben, dass Menschen in polyamoren Beziehungen genauso glücklich oder sogar zufriedener sind als Menschen in monogamen Beziehungen. Versuchen Sie also nicht, alles beim Alten zu lassen, sondern bereiten Sie sich auf Veränderungen auf vielen Ebenen vor und lassen Sie sich überraschen. 

2. Denken Sie nicht, dass man Eifersucht vermeiden kann

Natürlich liegt es am Anfang nahe, genau das zu tun. Wer möchte schon auf der Couch liegen und zusehen, wie sich der Partner/die Partnerin hübsch für ein Date macht? Klingt es da nicht wesentlich verlockender, zur gleichen Zeit unterwegs zu sein und die gleichen Möglichkeiten zu haben? So fühlt sich niemand außen vor oder muss mit Eifersucht kämpfen. Rein theoretisch macht das total Sinn, aber rechnen Sie dennoch mit einem bösen Erwachen: Eifersucht ist nämlich wie alle Emotionen alles andere als rational.

Wenn Sie es tief im Herzen nicht ertragen können, dass Ihr Partner/ihre Partnerin Sex mit jemand anderem hat, geht dies nicht automatisch weg, nur weil Sie die gleiche Freiheit haben. In einer offenen Beziehung müssen Sie sich Ihrer inneren Unsicherheiten bewusst sein und lernen, wie Sie in Ihrer Beziehung dennoch bekommen, was Sie benötigen. Vielleicht hatten Sie auch die Idee, einen Dreier zu wagen, damit Sie nicht mit Ihrer Eifersucht konfrontiert werden. Bevor Sie jemand Drittes in Ihre Beziehung holen, sollten Sie sich folgende Frage stellen: Wie fühle ich mich, wenn mein Partner mit der dritten Person alleine Sex oder ein Date hat? Wenn Ihnen diese Vorstellung tiefes Unbehagen bereitet, sind Sie noch nicht bereit für eine Öffnung der Beziehung. 

3. Ich habe bereits alles gesagt

Sie wissen es längst: Kommunikation ist die Basis einer guten Beziehung. Doch wie leicht fallen Ihnen die Gespräche in einer polyamoren Beziehung? Keiner von uns hat es gelernt, mit dem Partner/der Partnerin über intimsten Schwachstellen oder sexuelle Gesundheit zu reden. Darüber hinaus sind wir alles andere als geübt darin, unserem Partner zuzuhören, wie er oder sie von Erfahrungen mit anderen erzählt. Zudem wollen die kritischen Fragen des sozialen Umfeldes beantwortet werden. Viele offene Beziehungen scheitern trotz bester Absichten an der Kommunikation. 

Lernen Sie zu kommunizieren

Wenn Sie beide nicht die geringste Ahnung haben, wie sie als Paar über solche Themen sprechen sollen, wird es schwierig. Stellen Sie sich darauf ein, dass die Kommunikation schwer und anstrengend wird und Sie sich zunächst seltsam fühlen werden, wenn Sie über all diese Themen sprechen. Doch je öfter Sie üben, desto leichter wird es Ihnen fallen - und Sie können sich sicher sein, dass es genügend Gelegenheiten dafür geben wird. 

Verhandlungen gehören zum Alltag

In einer polyamoren Beziehung werden Sie ständig damit beschäftigt sein, Ihre Grenzen auszudrücken, Vereinbarungen zu verhandeln und zwischen Ihrem Zeitplan und dem des Partners zu jonglieren. Auch wenn es am Anfang auf Widerstand stoßen kann, radikal ehrlich zu sein: Auf lange Sicht wird Ihre Beziehung davon profitieren. Studien zeigen, dass Menschen in nicht monogamen Beziehungen wesentlich zufriedener sind, was die Kommunikation und Offenheit in der Partnerschaft anbelangt. 

4. Es macht keinen Unterschied, ob ich die/den Neue/n kenne

Genauso wenig, wie wir gelernt haben, in der Polyamorie richtig zu kommunizieren, haben wir gelernt, wie wir uns verhalten sollen, wenn wir auf den neuen Geliebten/die neue Geliebte treffen. Viele Paare machen den Fehler, alles zu tun, um eine solche Begegnung zu vermeiden. Andere gehen sogar so weit, dass sie überhaupt nicht darüber sprechen, welchen Mensch der andere datet. Sie wollen diese Wirklichkeit nicht an sich heranlassen. Sollten Sie sich in diesem Verhalten wiedererkennen, müssen Sie sich fragen, ob eine offene Beziehung wirklich das Richtige für Sie ist. 

Alle kennen sich

Es gibt in der polyamoren Szene sogar einen Begriff für die Person, die mit Ihrem Partner in einer Beziehung ist: Metamour. Damit eine offene Beziehung funktioniert, müssen Sie ehrlich in Ihrer Kommunikation sein. Jeder der Beteiligten muss darüber informiert sein, welche Rolle er in dem Gesamtgefüge einnimmt, und damit einverstanden sein. Das bedeutet nicht, dass Sie mit dem Metamour eine enge Freundschaft aufbauen müssen, aber ein kurzer Nachrichtenaustausch oder ein gemeinsamer Kaffee sollte möglich sein. 

Sie nehmen am Leben Ihres Partners teil

Warum ist es so wichtig, dass Sie nicht die Augen vor dem Liebesleben Ihres Partners verschließen? Zum einen zeigen Sie Ihrem Partner damit Ihre volle Unterstützung - sowohl was Ihre Beziehung anbelangt, als auch was andere Partner betrifft. Auf der anderen Seite ist es eine große Chance für Sie, wenn Sie den Sekundärpartner Ihres Partners mit all seiner Einzigartigkeit, seinen Interessen, Schwächen und Eigenheiten kennenlernen und nicht nur ein abstraktes Konzept in Ihrem Kopf haben. Auch wenn es sich im ersten Moment schwierig anfühlt, den Metamour Ihres Partners zu treffen, lohnt es sich dennoch. Wer weiß, wie viel Sie gemeinsam haben?

5. Die Öffnung einer Beziehung löst alle Probleme

Keine Beziehung ist perfekt. Selbst Menschen, die sich in einer glücklichen Langzeitbeziehung befinden, kennen das Auf und Ab des Beziehungsalltags. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen gelegentlichen Streits und Missverständnissen und einem grundlegenden Kommunikations- oder Kompatibilitätsproblem. Wenn Sie in Ihrer Beziehung nicht mehr glücklich sind, wird auch eine Öffnung daran nichts ändern. 

Wir beraten Sie bei Ihren Überlegungen zur Öffnung Ihrer Beziehung und begleiten diesen Prozess einfühlsam und mit Kompetenz.