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Offene Beziehungen und Polyamorie Teil 1 Definition und Spezifika
14. September 2019
Polyamorie - mit mehreren Menschen im Herzen verbunden sein
Polyamorie - mit mehreren Menschen im Herzen verbunden sein

Beziehungen heute sind pluralistisch und unterliegen weniger Zwängen. Menschen leben ihre Sexualität in unterschiedlichen Beziehungsformen. Wir nehmen in unserer Praxis verstärkt wahr, wie das Interesse an alternativen Beziehungskonzepten wächst. Doch bei der Öffnung einer Beziehung treten viele Unsicherheiten auf. 

Polyamore Beziehung sind unterschiedlich

Wir kennen uns mit dem Thema Polyamorie aus und bieten einen geschützten Raum für die Fragen von Paaren und Einzelpersonen. Dabei ist es egal, ob die Menschen, die unsere Praxis aufsuchen, das Modell bereits leben oder sich erstmals auf die Öffnung der Beziehung vorbereiten möchten. Nicht alle, die zu uns kommen, haben tiefgreifende Probleme. Manche wollen nur reflektieren oder Lösungen aushandeln. Denn es gibt tatsächlich viel auszuhandeln in einem Beziehungsnetzwerk. Manchmal hilft da ein Blick von außen. Häufig nützen Menschen gerade am Beginn einer Polybeziehung Beratung, weil sie sich unsicher sind, ob dieses Konzept zu ihnen passt. 

Monogamie ist eine Möglichkeit unter vielen 

Heute ist das nächste Abenteuer nur einen Mausklick entfernt. Wie geht man mit diesen permanenten Verführung um? Gelegenheit schafft Liebe oder Sex oder beides. Wenn sich Paare heute für eine monogame Beziehung entscheiden, geschieht dies freiwillig. Es gibt wenig gesellschaftliche oder ökonomische Zwänge und die Patchworkfamilie ist längst salonfähig geworden. Immer mehr Menschen wollen sich nicht entscheiden und fragen sich, ob sie nicht weiter mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin zusammen sein können und trotzdem die Freuden und die Aufregung spüren dürfen, mit neuen Menschen in Kontakt zu sein. 

Es gibt viele Fragen, wenn man über polyamore Beziehungen nachdenkt

Sie möchten die Freiheit haben, jemanden kennen zu lernen, etwas zu erleben, Sex zu haben oder sogar emotional verbunden zu sein? Dahinter steckt die Sehnsucht, persönlich zu wachsen, sowie die Erkenntnis, dass ein einziger Mensch unmöglich alle Bedürfnisse abdecken kann. Soweit klingt das vernünftig und nachvollziehbar. Aber warum ist es in der Praxis so schwer? Was braucht es, damit Polyamorie funktioniert?

Hier beispielhaft einige Fragen, mit denen Klienten und Klientinnen zu uns kommen

  • Passt Polyamorie zu mir?
  • Wie kann ich Polyamorie leben?
  • Ich möchte einmal Kinder, wie wird das in einer polyamoren Beziehung funktionieren?
  • Die letzten Jahre drehte sich in meinem Leben fast alles um das Thema Polybeziehung. Wird sich das je ändern? 
  • Wir wollen unsere Beziehung öffnen, haben aber Angst, uns als Paar zu verlieren.
  • Welche Regeln können wir aufstellen, damit Polyamorie emotional, aber auch praktisch lebbar wird?
  • Ich würde gerne polyamor leben, aber meine Eifersucht bremst mich. Wie kann ich produktiv mit der Eifersucht umgehen?
  • Auch juristische Fragen werden gestellt, z. B. nach Besitz und Ehe
  • Viele Menschen beschäftigt zudem, wie die Polyamorie im Alter sein wird.  
Es gibt kein Modell, das für alle Paare passt.

Jedes Paar muss selbst herausfinden, wie es mit dem Thema Treue/Monogamie oder eben Öffnung umgeht. Es gibt kein Modell, das für alle passt. Auch in konsensuellen nicht-monogamen Beziehungen gibt es Verletzungen. Oft wollen Menschen den Partner/die Partnerin mit der Aufstellung von Regeln kontrollieren, was unmöglich ist, wenn es um Gefühle geht. Auch innerhalb einer funktionierenden Partnerschaft kommt es vor, dass sich Menschen neu verlieben. Gefühle kann man nicht einfangen und verbieten. Sie können aber lernen darüber zu sprechen, ohne dass Ihre Beziehung in Brüche geht und Sie sich trennen müssen.

Definition: Unterschiedliche polyamore Beziehungsformen

Polyamorie ist ein Sammelbegriff. Es gibt unzählige Lebens- und Beziehungsformen abseits der Monogamie, die unter dem Überbegriff “Poly” subsummiert werden. Allen ist aber gemein, dass in der Beziehung eine offene und ehrliche Kommunikation stattfinden muss. Die gängigsten Beziehungsformen der Polyamorie werden nachfolgend kurz skizziert. 

  • Primärbeziehung
    Ihre Primärbeziehung ist der Partner/die Partnerin mit dem/der Sie im Idealfall den Rest Ihres Lebens verbringen möchten. Vielleicht haben Sie schon eine gemeinsame Familie, sind verheiratet oder leben zusammen. Wenn es jemand gibt, den Sie Ihren Eltern vorstellen, dann ist es dieser Mensch. 
  • Sekundärbeziehung
    Auch dies ist eine langfristige und wichtige Partnerschaft für Sie, die durchaus über viele Jahre bis hin zu einem ganzen Leben bestehen kann. Vielleicht fahren Sie ab und zu gemeinsam in den Urlaub, aber diese Beziehung hat nicht die Tragweite der Primärbeziehung. Letztere wird immer die Nummer Eins in Ihrem Leben sein.
  • offene Ehen und offene Beziehungen
    In diesen Beziehungsformen gibt es das Einverständnis, dass jede/r unabhängig voneinander SexualpartnerInnen haben kann. Die Sexualität ist nicht exklusiv auf die Partnerschaft beschränkt. 
  • Beziehungsnetzwerke
    Es gibt keine Primärbeziehung, sondern es gibt ein loses Netzwerk an Beziehungen von Menschen, die sich untereinander oft auch kennen. 

In jeder dieser Beziehungsformen braucht es eine Vielzahl an Regeln und Rahmenbedingungen, die das Paar aushandeln muss. Polyamore Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit einem hohen Kommunikationsaufwand verbunden sind. Sie sind komplex. Professionelle Beratung hilft Verunsicherungen und Sorgen in der Beziehung zu thematisieren und Lösungen zu finden.

Monogamie ist kein Naturgesetz

Wenn Sie sich im Freundes- und Bekanntenkreis umhören, werden Sie feststellen, dass die Gesellschaft gespalten ist, was Beziehung und Partnerschaft anbelangt. Es gibt Paare, die seit Jahren in einer monogamen Beziehung leben und andere, die eine offene Beziehung führen und offiziell mit anderen Menschen Intimität ausleben können. Doch welches ist der richtige Weg, um langfristig in einer glücklichen und sexuell erfüllten Partnerschaft zu leben?

Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst für offene Beziehungsformen. Was wie eine Trenderscheinung wirkt, ist keineswegs neu. In früheren Zeiten war es ganz normal, eine freie Sexualität zu praktizieren. Das Konzept der Monogamie ist kein Naturgesetz, sondern hat sich aus religiösen und gesellschaftlichen Normen heraus entwickelt.

Die Kirche war zu früheren Zeiten sehr mächtig und propagierte Sex als Sünde. Diese sexfeindliche Haltung führte dazu, dass Ehebrecher und Ehebrecherinnen mit dem Tod bestraft wurden. Sexualität war nur dann geduldet, wenn sie mit Empfängnis und Fortpflanzung zu tun hat. Selbst im 21. Jahrhundert duldet die christliche Kirche keine künstliche Empfängnisverhütung. Heute hat sich ein großer Teil der Gesellschaft aus kirchlichen Zwängen befreit.  

Monogamie wird durch die Gesellschaft definiert

Unsere uns selbst verordnete Monogamie ist oftmals eine Mogelpackung. Wir leben zwar für einen gewissen Zeitraum monogam, werden dann aber der Beziehung überdrüssig oder wir werden verlassen, um einige Zeit später die nächste längere oder kürzere treue Beziehung einzugehen. Hier stellt sich die Frage, weshalb so viele Menschen am Konzept der Monogamie festhalten, wenn es in der Realität nicht zu funktionieren scheint.

Treue und Eifersucht

Es sollte eine Entkoppelung der Treue stattfinden. Treue muss nicht automatisch bedeuten, dass der Partner einem sexuell exklusiv “gehört”. Treue könnte auch eine neue Bedeutung bekommen und als Versprechen gelten, für den Partner da zu sein - und das nicht nur für einen kurzen Moment, sondern für einen langen Zeitraum. Wenn Treue nicht mehr Besitz bedeutet, sondern stattdessen für ein loyales und kooperatives Verhältnis mit dem Partner steht, dann ist es ein lohnenswertes Ideal für jegliche Beziehungsform - ob es sich um Polyamorie oder andere Konzepte handelt.

Kinder und Ehe

Früher war ein Ehebündnis vor allem zweckmäßig und wurde in den meisten Fällen geschlossen, um gemeinsame Kinder zu zeugen. Von Natur aus ist das Fortpflanzungspotential des Mannes größer als das der Frau. Wenn eine Frau ein Kind bekommt, kann sie sich sicher sein, dass es von ihr ist. Der Mann jedoch hat diese Gewissheit nur, wenn er weiß, dass seine Frau ihm treu ist.
So stürzten Frauen noch vor wenigen Jahrzehnten in eine tiefe gesellschaftliche Verachtung, wenn sie ein uneheliches Kind empfangen haben. Es war völlig normal, dass die Frau Hausfrau war, während der Mann das Geld verdient hat. Durch diese finanzielle Abhängigkeit vom Mann war es für viele Frauen undenkbar, auch nur an eine Scheidung zu denken. 

Sexuelle Revolution in den 60er und 70er Jahren

In den 60er und 70er Jahren startete die erste sexuelle Revolution. Darunter versteht man einen historischen Wandel der öffentlichen Sexualmoral. Die Tabus früherer Generationen wurden langsam aufgebrochen und die Bevölkerung wurde toleranter, was die sexuellen Bedürfnisse und Orientierungen anging. Ein Beispiel dafür ist das Entstehen von Hippie-Kommunen, in denen freie Liebe propagiert und gelebt wurde. Ein wichtiger Faktor war dabei auch die Markteinführung der Pille, die endlich selbstbestimmte sexuelle Freiheit erlaubte.

Selbstbestimmung in der Wahl der Beziehungsform

Der Sexualforscher Volkmar Sigusch beschreibt in seinem Buch “Neosexualitäten” (2005) den Wandel der Bedeutung von Sexualität in unserer Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten. Er statuiert eine veränderte gesellschaftlich-kulturelle Situation, in der Menschen heute in der westlichen Welt ihr Beziehungsleben und ihre Sexualität organisieren. Im Gegensatz zu früheren Zeiten bestimmen Gleichwertigkeit und Selbstbestimmung das eigene Verständnis. Tabus und Normen sind pluralistischen sexuellen Lebensformen und Paarmodellen gewichen und ermöglichen individuelle Freiheiten.

Indem Sexualität nicht mehr ausschließlich ein verbindliches Referenzsystem (z. B. Sex lediglich in der Ehe oder Sex ausschließlich als Ausdruck von Bindung und Liebe) hat, können Individuen nun auswählen, was jeweils am besten für das persönliche Glück passt. Probleme entstehen weniger aus einem Zwang, sondern daraus, aus der Fülle der Möglichkeiten auswählen zu müssen und mit dem/r jeweiligen Sexualpartner*in auszuhandeln, was für beide passt. 

Monogamie nur noch für den Moment

Für viele Menschen stellt die Monogamie eine Idealvorstellung dar. Allerdings sind die Vorstellungen davon realistischer geworden, und anstatt von einer unendlich haltenden Zeitspanne der Liebe auszugehen, entscheiden sich viele Menschen dafür, die Liebe im Hier und Jetzt zu zelebrieren. Das führt dazu, dass sich die Monogamie im Lauf eines Lebens in kleinere, aneinandergereihte Abschnitte aufteilt. Viele Menschen wechseln von einer festen Beziehung in die nächste, bis ein Partner untreu wird oder jemand anderer auf der Bildfläche erscheint.

Auch der Kinderwunsch lässt sich heute flexibel bis ins hohe Alter handhaben. War es früher normal, mit dem Partner ein gemeinsames Konto zu haben, leben inzwischen die meisten Menschen finanziell unabhängig voneinander. Heute können sich Männer und Frauen frei entscheiden, wie sie ihre Sexualität ausleben möchten, für welche Form der Beziehung sie sich entscheiden und auf welchen Menschen sie sich einlassen. In unserem Kulturkreis bedeutet der Begriff Monogamie, dass ein Mann mit einer Frau in einer festen Beziehung zusammenlebt.

Im Tierreich können wir komplett gegenteiliges Verhalten beobachten, dort binden sich nämlich weniger als 10 Prozent an einen festen Partner. Der Autor Christopher Ryan erklärt in seinem Buch “Sex: Die wahre Geschichte”, dass der Mensch nicht monogam ist, nie monogam war und sich zur Monogamie überhaupt nicht eignet. Vielmehr seien “überlappende sexuelle Beziehungen in Gruppen von Vorteil, weil durch den Sex ein wichtiges und dauerhaftes Netz aus Zuneigung, Zugehörigkeit und gegenseitiger Verpflichtung” entstünde. 

Fazit

Ist das Modell der Monogamie gescheitert? Aus unserer Sicht nicht.  Sie stellt für viele Paare ein geeignetes Partnerschaftsformat dar. Viele Menschen praktizieren auch serielle Monogamie.  Natürlich begegnet uns auch häufig Doppelmoral in Form von heimlichen Affären, Seitensprüngen und Lügen, was für das Paar und insbesondere den Betrogenen höchst devastierend ist.
Wenn Menschen sich entscheiden, ihre Bedürfnisse nach mehr (sexueller) Freiheit auszuleben, sollten sie das offen und ehrlich mit dem Partner besprechen. Gerne unterstützen wir Sie in diesem Prozess. 

Lesen Sie weiter:
Teil 2, Wie kann das Öffnen einen Beziehung gelingen?